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Stresskompetenz

Evolutionsgeschichtlich hat Stress eine wichtige Bedeutung, denn er hilft beim Überleben. Droht eine Gefahr, schaltet der Körper blitzschnell auf Angriff oder Flucht um. Erfahren wir unser Leben als bedrohlich und unkontrollierbar, werden im Gehirn die dazu passenden Substanzen in Form der Neurotransmitter ausgeschüttet. Die Kontrolle übernimmt dann das sympathische Nervensystem. In diesem Zustand sind Heilungsprozesse nicht möglich, auch das Immunsystem kann nicht agieren und Verdauungs- und Wachstumsprozesse werden gestoppt. Evolutionsgeschichtlich macht das Sinn, denn wozu sollte ein Körper das Immunsystem gegen Krebszellen oder Viren aktivieren, wenn er im nächsten Moment vom Löwen aufgefressen wird? Hier war nur das nackte Überleben entscheidend, also die Stressreaktion in Form von Kampf, Flucht oder Unterwerfung. Der angemessene Umgang mit Stress ist der vermutlich wichtigste Erfolgsfaktor für einen gesunden Lebensstil.

Kurzzeitiger Stress wirkt als Herausforderung und unterstützt Lernprozesse. Wird er jedoch als unkontrollierbar erlebt, beschädigt er auf Dauer Gehirn, Hormonstoffwechsel und Immunsystem.

Stress ist nicht nur ein psychisches, sondern auch auch ein biochemisches Problem. Geeignete Mikronährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren helfen häufig das Problem zu reduzieren.

Stress hat sowohl genetische als auch epigenetische Komponenten. Auch bei ungünstigen genetischen Voraussetzungen kann es über den Einfluss auf den Lebensstil gelingen, besser mit Stress umzugehen.

Neurobiologie von Stress

Aufgrund der evolutionsgeschichtlichen Bedeutung von Stress für das Überleben, haben Stressreaktionen immer Vorrang vor allen anderen physiologischen und kognitiven Prozessen im Gehirn. Über die Steuerungszentrale im Gehirn, den Hypothalamus, wird die Produktion von Katecholaminen aktiviert: Dopamin zur Motivation, Noradrenalin und Adrenalin für die Kampf-Flucht-Reaktion.

Cortisol wird in einer zweiten, langsameren Reaktion aktiviert, um die Stressreaktion zurückzufahren. Bei Dauerstress bleibt die Cortisolachse dauerhaft aktiv, mit der Folge, dass alle Wachstum und Entwicklung oder Regeneration fördernden Prozesse abgeschaltet bleiben.

Stress, Ernährung und Mikronährstoffe

Genetische und epigenetische Faktoren spielen bei der Gehirnentwicklung eine wichtige Rolle. Wenn die Mutter Stress erlebt, aus welchen Gründen oder wie subjektiv auch immer, hat dies Einfluss auf das Ungeborene.

Stress ist selten nur ein psychisches Problem. Damit Stressbewältigung und auch Zufriedenheit und Glücksgefühle im Gehirn entstehen können, müssen genügend Aminosäuren und Cofaktoren für die Produktion von Noradrenalin, Cortisol, aber auch von Serotonin vorhanden sein. Neuere Erklärungsversuche gehen sogar davon aus, dass eine Mangelernährung Stress und Depressionen begünstigen und sogar auslösen kann.

Psychoneuroimmunologie: Stress und Immunsystem

Während physische Reize auf Gehirn und Körper heutzutage nur kurzzeitig als Stressoren wirken, ist dies bei Gefahren aus dem sozialen Umfeld, in Beruf oder Familie deutlich anders.

In früher Kindheit erleben wir die vollständige Abhängigkeit vom sozialen Umfeld, das uns Nahrung und Sicherheit bietet. Erfahrungen aus dem psychisch-sozialen Umfeld haben daher eine hohe Bedeutung und werden mit bereits gespeicherten Erfahrungen abgeglichen.

Belastende Erlebnisse werden bereits pränatal (!) über das limbische System verarbeitet und in einem Erfahrungsgedächtnis abgespeichert. Solche Stressoren, bei denen dieses limbische System sehr aktiv ist, können automatisiert sowohl die schnelle als auch die langsame Reaktion gleichzeitig aktivieren und in Form von Dauerstress wirksam werden.

Stress führt immer zur Reaktion des Immunsystems, indem es eine Entzündung im Körper verursacht. Dabei spielt es keine Rolle, ob der auslösende Faktor psychischer Stress oder Angst ist, eine Verletzung oder ein Virus.

Resilienz: genetische und epigenetische Faktoren

Resilienz als die Fähigkeit, mit Krisen und Belastungen widerstandsfähig umzugehen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Sie hängt ab von den Bindungserfahrungen vor der Geburt und in früher Kindheit. Diese prägen die Gehirnentwicklung und die Einflussmöglichkeiten des kognitiven Denkens auf das Angstzentrum im Gehirn, die Amygdala.

Wie die unterschiedlichen Stressantworten auf externe und interne Stressoren ausfallen, ist aber auch genetisch bedingt. Polymorphismen, also erblich bedingte Genvarianten, können solche Veränderungen herbeiführen. Bei allen Menschen treten sog. SNIPs (single nucleotide polymorphisms) auf, bei denen das Basenpaar eines Nucleotids vertauscht wurde. Sie haben erhebliche Auswirkungen darauf, ob das Leben eher von Stresshormonen belastet ist oder einem ruhigen Fluss gleicht.

Stress und Psyche

Menschliche Lebewesen kommen mit einem Gehirn zur Welt, das in den für die höheren Gehirnprozesse zuständigen Teilen erst nach der Pubertät ausreift. Dadurch ist das menschliche Gehirn sehr entwicklungsfähig und in der Lage sich an jede Umgebung und an sehr unterschiedliche Bedingungen anzupassen.

Evolutionär war dies von großem Vorteil, es führt aber zur hohen Abhängigkeit von der Akzeptanz durch sein soziales Umfeld, weil es sich nicht selbst versorgen kann und eine Nicht-Akzeptanz sich lebensbedrohlich anfühlt. Erfahrungen mit dem sozialen Umfeld werden emotional markiert und sinken ins Unbewusste, da das Bewusstsein mit sprachlicher Verarbeitung bis zum Alter von etwa 6 Jahren dafür noch nicht zur Verfügung steht.

Diese sozialen Rückmeldungen haben lebenslang eine besondere Bedeutung und können, abhängig von den Erfahrungen, hohen Stress auslösen. Es gibt daher keine Wahrnehmungen, keine Handlungen, keine Entscheidungen im Gehirn, die nicht auf die emotionalen und sozialen Folgen überprüft werden.

Stressbewältigung

Stressbewältigung ist kein einfaches Thema, denn wie widerstandfähig Menschen im Umgang mit Stress sind, hängt nicht nur von aktuellen Erfahrungen und denen aus frühester Kindheit ab, sondern auch von epigenetischen und genetischen Voraussetzungen.

SNIPs, beispielweise in der COMT (Catechol-O-Methyltransferase), verändern den Abbau der Stresshormone. Menschen mit einer langsamen COMT (langsamer Abbau) erscheinen daher weniger resilient als Andere. Zur Stressbewältigung ist daher vor jeder psychischen oder physischen Intervention die Ergänzung mit geeigneten Mikronährstoffen eine sinnvolle Basis. Nach Jahrzehnten mit unzähligen wirklich wirkungsvollen Techniken kann ich das für mich selbst bestätigen und höre dies auch von ganzheitlichen Medizinern.

Psychischer und physiologischer Stress sind aber auch Impulse für Wachstum und Entwicklung. Umso wichtiger ist es, diese positiven Effekte zu nutzen und die negativen Wirkungen alter Programmierungen, überschießende Reaktionen und Dauerstress möglichst gering zu halten.