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Neurobiologie von Stress

Auf physische Reize, die eine potenzielle Gefahr darstellen, reagiert das Gehirn unmittelbar mit einer Stressantwort. Dabei sind mehrere Stressachsen beteiligt, die sich in der Reaktion gegenseitig verstärken oder hemmen.

Der Körper reagiert daraufhin mit der Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, um mit Kampf, Flucht, Verteidigung aktiv darauf zu reagieren. Diese sog. schnelle Stressreaktion sichert das physische Überleben und wirkt kurzzeitig auch auf das Immunsystem und den Darm.

Hält der Ausnahmezustand an, läuft über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA) die zweite Stressreaktion mit Ausschüttung von Cortisol an. Diese stoppt alles, was nicht überlebensrelevant ist und hat eher lähmende Wirkung auf den Körper bis hin zur Störung des kognitiven Denkens im präfrontalen Kortex.

Allerdings reagieren Gehirn und Körper auch auf psychisch-soziale Reize. Weil das Überleben in frühester Kindheit vom sozialen Umfeld abhängt, werden solche Signale mit bereits gespeicherten Erfahrungen abgeglichen. Belastende Erlebnisse werden über das limbische System verarbeitet und in einem Erfahrungsgedächtnis abgespeichert. Solche Stressoren, bei denen das limbische System sehr aktiv ist, können automatisiert sowohl die schnelle als auch die langsame Reaktion gleichzeitig aktivieren und in Form von Dauerstress wirksam werden. Dauerstress beeinträchtigt nicht nur das kognitive Denken, sondern auch alle Prozesse im Körper.

Stress und Selbstberuhigung

Wie wir mit Stress und Konflikten umgehen, hängt auch von der Entwicklung verschiedener Verarbeitungssysteme ab. Führend ist das Stressverarbeitungssystem, das vorgeburtlich und völlig unbewusst entsteht, geprägt von den Impulsen des Muttergehirns. Nimmt dieses die Umwelt als besonders stressreich wahr, erhält das kindliche Gehirn starke Impulse zur Sicherung des Überlebens in einer bedrohlichen Umgebung. Entsprechend sensibel reagiert das Gehirn auf alle bedrohlichen Impulse wie z.B. Konflikte, die als bedrohlich bewertet werden. Mit der Ausprägung des Stressverarbeitungssystems hängt die fest verdrahtete Stresssensibilität zusammen und damit wie schnell und stark wir auf solche Impulse reagieren. Hier entstehen auch lebenslang prägende zwischenmenschliche Bindungserfahrungen.

Das in der Rangfolge zweite System ist das Selbstberuhigungssystem, das sich in Abhängigkeit von der Ausprägung der Stressachse entwickelt. Ist die frühkindliche Umwelt bzw. die der Mutter eher sicher, kann das zweite System die Stressreaktionen schnell wieder zurückgefahren.

Aus evolutionärer Sicht ist die Dominanz der ersten Achse sinnvoll, denn eine schnelle Stressreaktion in gefährlicher Umgebung kann das Überleben sichern. Wohlbefinden und sozial akzeptables Verhalten sind da nachrangig.
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Wie aus Stress Gefühle werden

Stress entsteht, wenn eine unerwartete Information im Gehirn eintrifft. Jedes Gehirn entwickelt im Laufe seines Lebens Vorstellungen darüber, wie die Welt um es herum sein sollte und welche Rolle der Gehirnbesitzer darin spielt.

Bei der Reaktion über das Verhalten haben sich dann bestimmte Reaktionswege etabliert, die automatisiert abgerufen werden. Entspricht das Feedback auf das Verhalten dem erwarteten Ergebnis, wird die damit verbundene neuronale Verbindung gestärkt und läuft künftig effizienter ab.

Führt das erprobte und bewährte Verhalten hingegen nicht zum erwarteten Feedback, wie dies häufig in Konflikten der Fall ist, verstärkt sich der Stress. Es müssen dann neue Wege gefunden werden.

Weniger Stress durch Selbststeuerung

In einem Zeitalter, in dem für jeden Impuls die sofortige Erfüllung durch grenzenlosen Konsum möglich ist, klingt Selbststeuerung zunächst nach Lust- und Genussfeindlichkeit. Lassen wir uns aber ausschließlich durch Reiz-Reaktionsmuster steuern, entstehen emotionaler und körperlicher Stress mit Abhängigkeiten bis hin zum Suchtverhalten. Zum Menschsein gehört die Selbstfürsorge und der gesunde Umgang mit den Impulsen von außen und Innen, auch unter Verzicht auf weniger förderliche Wünsche. Selbststeuerung hat daher in der Gesamtbetrachtung einen Gewinn an Freiheit und Selbstbestimmung zur Folge. 
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Warum wir fühlen wie wir fühlen

Denken und Fühlen sind in unserem Gehirn keineswegs getrennt. Tatsächlich ist ein Denken ohne Gefühle überhaupt nicht möglich und auch unser Großhirn, dem wir das kognitive Denken zuschreiben, enthält emotionale Strukturen bzw. wird von solchen beeinflusst.
Warum gehen Menschen so unterschiedlich mit Stress-auslösenden Situationen um? Warum gibt es Menschen, die sich schnell auch aus schwierigsten Lebenssituationen befreien und Andere, die daran verzweifeln wollen? Weiterlesen