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Gehirn und Psyche:
Wie das limbische System unsere Psyche steuert

Die Grundlagen unserer Psyche liegen in der Entwicklung des Gehirns, die überwiegend bereits vor der Geburt und in den ersten Lebensjahren stattfindet.
Das limbische System ist dabei der Teil des Gehirns, der alle unbewussten Anteile steuert und der nicht mit Mitteln des kognitiven Denkens beeinflusst werden kann.
Mit dem bewussten Denken ist auch in späteren Jahren nur der Zugriff auf bewusst erlebte Prozesse möglich, wobei sich das bewusste Denken erst ab dem ca. 5.-6. Lebensjahr entwickelt.

Grundwissen über das Gehirn

Um unser Gehirn ranken sich viele Mythen, die Menschen hindern, sich ihren Möglichkeiten entsprechend zu entwickeln. Ein Basiswissen über das Gehirn ist in vielen Lebensbereichen hilfreich.

Wissenswertes über das Gehirn:

  • Menschen kommen nicht fertig zur Welt. Bei der Geburt ist das menschliche Gehirn funktionsfähig, es benötigt aber 2 Jahrzehnte um auszureifen, vor allem in den Bereichen der sozialen Kompetenz. Das hat den evolutionsbiologisch entscheidenden Vorteil, das sich menschliche Lebewesen an nahezu jede Umweltbedingung anpassen können.
  • Weil das Neugeborene noch kein voll funktionsfähiges Gehirn hat, bedarf es der Pflege seiner Angehörigen. Das soziale Gehirn hat hier seine Wurzeln: über verschiedene Systeme erhalten Menschen jeden Alters Feedback über ihre Akzeptanz und Wertschätzung durch die Umwelt.
  • Das limbische System als das emotionale System mit der zentralen Datenbank in der Amygdala, entscheidet immer mit. Es gibt keine rationalen Entscheidungen, an denen das emotionale System nicht beteiligt ist. Getroffene Entscheidungen werden anschließend rational begründet.
  • Wir treffen viele Entscheidungen unbewusst. 99,9996% der Signale, die auf unser Gehirn einwirken, werden unbewusst verarbeitet. Die Gründe liegen in der ggf. überlebensnotwendigen Entscheidungsgeschwindigkeit und der Energie-Effizienz des Gehirns.
  • Wir können lebenslang lernen, wenn wir die Voraussetzungen dafür schaffen. Dank der Neuroplastizität des Gehirns können wir neue neuronale Verbindungen knüpfen. Sogar neue Gehirnzellen, die in bisher drei bekannten Gehirnarealen neu entstehen, können unter günstigen Umständen ihre Arbeit aufnehmen.

Neurotransmitter: die Biochemie des Gehirns

Unsere Gedanken und Gefühle sind zu einem großen Teil bedingt durch die biochemischen Prozesse in unserem Gehirn. Zwar sind wir in der Lage, über achtsames Beobachten von Gedanken und Gefühlen unser Verhalten zu steuern, die Vorgänge selbst jedoch können wir nur sehr bedingt kontrollieren. Sie sind einerseits abhängig von unseren Grundeinstellungen und dem Gehirnstoffwechsel mit den zur Verfügung stehenden Neurotransmittern.

Bereits innerhalb der ersten wenigen Lebensjahre entstehen neuronale Grundsysteme, die den Unterschied ausmachen, ob jemand noch Jahrzehnte später auf neue Anforderungen ruhig und gelassen oder mit Stress darauf reagiert.
Das Stress-Verarbeitungssystem entsteht als erstes neuronales System mit dem Ziel, durch eine ggf. notwendige Stressreaktion, Kampf oder Flucht, das Überleben zu sichern.
Das zweite System ist das Belohnungssystem, das nach Abklingen einer Stressreaktion Serotonin zur Beruhigung ausschüttet. 

Das menschliche Gehirn: emotional und sozial

Das menschliche Gehirn ist sozial und emotional angelegt. Dabei hat die soziale Komponente eine besondere Bedeutung, denn in den ersten Lebensjahren sind Menschenkinder nicht alleine lebensfähig, sondern auf die Pflege anderer Menschen angewiesen. Durch diese Abhängigkeit von den Reaktionen anderer Menschen entsteht die unbewusste Orientierung am sozialen Umfeld, die lebenslang bestehen bleibt. 

Emotionen steuern daher, überwiegend unbewusst, unsere Handlungen und geben uns Feedback über Erfolg oder Misserfolg unserer sozialen Kontakte. Es sind erlebte Erfahrungen, die positive oder negative Gefühle auslösen und die in unserem emotionalen Erfahrungsgedächtnis, dem limbischen System, gespeichert werden. Dieser Prozess erfolgt unbewusst und beginnt bereits vorgeburtlich. 

Erinnerung und Gedächtnis: Wie durch Erleben unser Gedächtnis entsteht

Ein gutes Gedächtnis ist zwar zu einem Teil auch genetisch bedingt, auf ein ganzes Leben bezogen aber eher eine Frage des Lebensstils, zu dem neben geistigen Herausforderungen auch eine gesunde Ernährung und Bewegung gehören.

Das Gehirn hat schon im Normalzustand einen Energieverbrauch von 20% und arbeitet daher möglichst energieeffizient. In der Folge laufen 99,9996% (!) aller Prozesse automatisiert ab, weil es Energie spart und durch die Schnelligkeit zudem in kritischen Situationen das Überleben sichern kann. Neues Wissen wird daher zunächst daraufhin überprüft, ob es überhaupt sinnvoll und notwendig ist. Dass die Lernfähigkeit im Laufe des Lebens vermeintlich abnimmt, liegt also vor allem daran, dass das Gehirn aufgrund des bereits vorhandenen Wissens Neues zunächst auf Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit überprüft.

Grundsätzlich sind menschliche Gehirne lebenslang lern- und entwicklungsfähig, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen: das zu Lernende muss sinnvoll sein, eine Herausforderung darstellen und Spaß machen und unbedingt spannend, neu und erstrebenswert sein.

Achtsamkeit und Meditation aus neurowissenschaftlicher Sicht

Phasen von Entspannung benötigen Gehirn und Körper. Zentrales Element aller Yoga-, Achtsamkeits- und Meditationstechniken ist die tiefe Atmung, bei der der Vorgang des Ausatmens länger dauert als der des Einatmens.

Weiteres Merkmal aller Techniken ist ein verlangsamtes, bewusstes Wahrnehmen des jetzigen Augenblicks.  Je nach Meditationstechnik werden Mantren verwendet, die die Konzentration fördern. Andere Techniken verbinden den Meditierenden mit der Energie des Universums oder kombinieren Atemtechnik, Meditation und energetisches Klopfen auf Akupunkturpunkte (EFT) miteinander.

Forschungen von Neurowissenschaftlern belegen die Erfahrungen, die praktizierende Buddhisten seit hunderten von Jahren machen: Niedrigere Entzündungswerte und eine beruhigende Wirkung auf den längsten Hirnnerv (Vagus) wurden ebenso festgestellt wie positive Wirkungen auf Zellteilung und Verlangsamung des Alterungsprozesses.

Die Herzratenvariabilität verbessert sich. Diese gilt sogar in der Schulmedizin als sog. Goldstandard, mit der das Erleben von Stress bzw. von Resilienz messbar gemacht werden kann.

Die Macht der ersten Lebensjahre

Unser emotionales System, das sog. limbische System, entwickelt sich bereits pränatal und in den ersten Lebensjahren. Alle Prozesse dort verlaufen auf weitgehend unbewussten, in früher Kindheit entstandenen und dauerhaft unbewussten Erfahrungen. Sie können auch später nicht mit den Mitteln des Verstandes bewusst gemacht werden.

Als zentrale Steuerung agiert die Amygdala auf Basis der Bewertungen dieser frühen Erfahrungen. Da vor allem negative Erfahrungen überlebensnotwendig und damit relevant sind, ist die Amygdala bei den meisten Menschen vor allem eine Datenbank für angstbesetzte Erfahrungen.

Auf verschiedenen Ebenen des limbischen Systems liegen genetisch bedingte lebenserhaltende Strukturen wie Atmung und Blutkreislauf, aber auch die psychischen Grundstrukturen für Selbstvertrauen, Mut und Temperament. Bereits vor der Geburt findet dann ein Lernverhalten mit Anpassung an die Umwelt statt: diese ersten epigenetischen Eingriffe führen dazu, dass vorhandene Gene aktiviert oder abgeschaltet werden. Die Prozesse im Gehirn der Mutter liefern dazu die Vorlage, die bereits vor der Geburt kopiert werden. Traumata und Erfahrungen der Mutter prägen das Ungeborene bereits in diesem frühen Stadium.

Glücksgefühle im Gehirn

Glück war in der Evolution nicht vorgesehen, nur das nackte Überleben war relevant. Für den zwischenmenschlichen Kontakt und die Weiterentwicklung sind Gefühle jedoch eine wichtige Voraussetzung. Glücksgefühle entstehen in der Erwartung einer Belohnung, was in der Steinzeit sicher die Aussicht auf etwas Nahrhaftes zu essen oder eine sichere Höhle war.

Im Gehirn löst bereits diese Vorfreude die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin aus, der wiederum eine ganze Kaskade weiterer glücklich machender Stoffe anstößt: Serotonin, endogene Opioide, Oxytocin und mehr. Unser Steinzeitgehirn ist darauf programmiert diese Glücksgefühle immer wieder anzustreben und erleben zu wollen für mehr und bessere Nahrung, bessere Lebensbedingungen und mehr Lebensqualität.

Erfolgreiche Erfahrungen mit den damit verbundenen Glücksgefühlen motivieren zu neuen Anstrengungen. Sie ermöglichen damit Lernen und Veränderung. Ist die Erfahrung dieser positiven Gefühle vorhanden, ist das Gehirn lebenslang zum Lernen und zur Veränderung fähig. Die sich täglich verändernde Verschaltung der Zellen garantiert ein spannendes und abwechslungsreiches, glückliches Gehirn mit hoher emotionaler Intelligenz und Leistungsfähigkeit.

Neuroplastizität: Wie Gedanken und Gewohnheiten unser Leben bestimmen

Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich ein Leben lang in den neuronalen Verbindungen der Umwelt anzupassen.

Die tägliche Routine, die häufig gedachten Gedanken, die oft gefühlten Gefühle- sie sind fest in den neuronalen Bahnen des Gehirns, den Synapsen, verankert. Je häufiger etwas wiederholt wird, umso stärker wird die Verbindung, denn das Gehirn liebt schnelle, effiziente und damit energiesparende Abläufe.

Je mehr also automatisiert abläuft, umso besser?
Ja und nein. Ja, weil wir damit in dem, was wir täglich tun, immer perfekter werden. Das funktioniert aber nur, wenn alles seinen geregelten Gang geht. Unvorhergesehenes oder Improvisation sind da unerwünscht.
Nein, weil damit Weiterentwicklung und Innovation kaum möglich sind, allenfalls eine kleine Verbesserung von bereits Bewährtem. Wir halten dann aber auch an alten Gedanken, Gefühlen und Verhalten fest, die unerwünschte Folgen haben.

Kognitive Flexibilität erwerben

Entscheidungen werden nicht rational getroffen, sondern haben immer eine emotionale Komponente. Diese emotionalen Anteile entstehen in den ersten Lebensjahren über Erfahrungen, die als positiv oder negativ bewertet und in einem Erfahrungsgedächtnis abgelegt werden.

Solche Erfahrungen, die aus Erwachsenenperspektive als Nichtigkeit erscheinen könnten, können aber beim Betroffenen als Trauma nachwirken und wie ein roter Knopf wirken: einmal ausgelöst, geht die Reaktion ab, schnell und in unverminderter Stärke.

Auf Basis dieser alten Vorerfahrungen können Entscheidungen schnell und automatisiert getroffen werden. Evolutionsgeschichtlich war dies von hohem Nutzen, denn dadurch konnten als lebensbedrohlich gelernte Situationen vermieden werden.
Von Nachteil ist, dass Erfahrungen aus den frühen Lebensjahren und die damit verbundenen Entscheidungen in höherem Alter nicht mehr unbedingt sinnvoll sind und vermutlich anders entschieden werden würden.